Aichhalder Nachrichten

Neuigkeit aus der Gemeinde

Volkstrauertag



Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
seit nunmehr 95 Jahren ist der Volkstrauertag als Gedenktag für die Opfer der beiden Weltkriege ein fester Termin im Kalender. Auch für dieses Jahr waren die Feiern an den Ehrenmälern in Aichhalden und Rötenberg bereits geplant. Aufgrund der zur Bekämpfung der Corona Pandemie geltenden Regelungen und Einschränkungen haben die Bürgermeister des Landkreises sich allerdings dazu entschlossen, in diesem Jahr kreisweit keine öffentlichen Gedenkveranstaltungen unter Beteiligung von Bevölkerung und Vereinen abzuhalten.
So wie heute Kriege in aller Welt und die Corona Pandemie als teilweise lebensbedrohliche Krankheit Sorgen und Ängste verursachen, so erlebten es auch Familien in der Zeit des 2.Weltkrieges von 1939 - 1945. Viel Leid und eine ungewisse Zukunft waren damals wie auch heute Thema.

Der nachstehend abgedruckte Tatsachenbericht unserer ehemaligen Rötenberger Mitbürgerin Annerose Heesen geb. Heitlinger, Enkelin von Anna und Wilhelm Haberer, aus den Anfängen des letzten Kriegsjahres 1945, soll allen Leserinnen und Lesern auch ohne öffentliche Feier am Kriegerdenkmal einen Moment des Innehaltens und Gedenkens an die vielen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ermöglichen.

Adolf Haberer       Wilhelm Haberer
             Adolf Haberer                                Wilhelm Haberer

Ein Gesicht des Krieges – Familiengeschichte zum Volkstrauertag 2020

Beide waren sie im Krieg. Wilhelm und Adolf. Anna Haberer, die ihren Mann und ihren Sohn schmerzlich vermisste und sich zusammen mit der 15-jährigen Tochter Marta (später Heitlinger) so gut es in den Zeiten des Krieges eben möglich war um Haus und Hof in Rötenberg kümmerte, war in großer Sorge. Der erst 17-jährige Adolf war zum Kriegsdienst eingezogen worden. Als junger Soldat wurde er dazu verpflichtet, beim Löschen der Stadt Ulm, die Mitte Dezember 1944 aufs Schwerste bombardiert worden war, mitzuhelfen. Nach tagelangen Löscharbeiten unter schwierigsten Bedingungen und unvorstellbaren Zu- und Umständen, erkrankte Adolf an einer schweren Lungenentzündung, die sein Todesurteil bedeutete. Er verstarb am 21.01.1945, einen Monat vor seinem 18. Geburtstag. Die Nachricht von Adolfs Tod traf Anna hart. Zwei Feldpostbriefe vom 15.02.1945 und vom 21.02.1945 an ihren Mann Wilhelm, die noch im Original vorhanden sind geben eindrucksvoll wieder, wie sehr Anna Haberer in diesen Tagen und Wochen gelitten hat. Täglich schrieb Anna einen Brief an Wilhelm an die Front. Eine Antwort blieb jedoch leider aus und Anna war mit Marta allein in ihrer Sorge über das Schicksal des Ehemannes und Vaters und in ihrem Schmerz und Kummer über den Verlust des Sohnes und Bruders.

Voller Sehnsucht, einen Platz zum Trauern hier im Ort haben zu können, ließ Anna Haberer Adolfs Leichnam nach Rötenberg überführen, um ihn auf dem hiesigen Friedhof zu beerdigen. Der Sarg wurde mit dem Zug von Ulm bis nach Oberndorf gebracht und von dort mit dem Leichenwagen – damals einer Pferdekutsche – abgeholt. Anna, die es sich nicht hatte nehmen lassen, den Sarg in Oberndorf selbst in Empfang zu nehmen, ging die ganze Strecke von Oberndorf bis nach Rötenberg hinter dem Sarg her. Es hatte viel geschneit und der Weg war sehr beschwerlich. Völlig entkräftet kam Anna Haberer mit Adolfs Leichnam in Rötenberg zur Beerdigung an. Die Trauergemeinde hatte laut mündlicher Überlieferung weit mehr als eine Stunde auf dem Friedhof ausgeharrt und so Anteil genommen am Schicksal der Familie und um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.
Erst am 21.02.1945, dem Geburtstag von Adolf, erhielt Anna Haberer ein Lebenszeichen von ihrem Ehemann Wilhelm und damit auch die Gewissheit, dass er vom Tod des einzigen Sohnes erfahren hatte. Ihre Antwort auf diesen Brief des Ehemannes schildert eindrucksvoll, dass auch hier in ländlicher Gegend Angst, Schrecken und Ungewissheit tägliche Begleiter waren.

Wilhelm Haberer, geboren am 02.06.1900, war zu dieser Zeit in Frankreich stationiert. Nur zwei Monate nach dem Tod seines Sohnes ereilte ihn in der Fremde am 22.03.1945 das gleiche Schicksal. Auf einer holprigen Fahrt mit dem Soldaten - LKW zog er sich eine schwere Kopfverletzung zu, an der er verstarb. Er liegt auf dem Soldatenfriedhof in Andilly in Frankreich begraben. Seine Ehefrau Anna besuchte später jährlich am Volkstrauertag sein Grab mit dem Bus vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der dorthin Reisen zum Gedenken anbo
t.
 
Andilly

Dieser Bericht soll stellvertretend für das Schicksal von Frauen, Männern, Töchtern und Söhnen unserer Gemeinde stehen, welche die Auswirkungen der Kriegswirren vergangener Tage erleiden mussten oder als Hinterbliebene ihr Leben lang mit dem Verlust von lieben Angehörigen zu kämpfen hatten. Herzlichen Dank an Annerose Heesen und Oskar Heitlinger für ihre Zustimmung zur Veröffentlichung dieses Berichts, der sehr persönlichen Briefe und Fotos.

Sicherlich kann die aktuelle Corona Pandemie und was sie alles an Veränderungen in unserem Land mit sich gebracht hat, nicht mit einem Kriegsschicksal verglichen werden. Und doch: Die Pandemie selbst wie auch die Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie machen vielen Menschen Sorge und Angst vor der Zukunft. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es uns ist miteinander in Verbindung bleiben zu können, miteinander Kontakt zu haben, was wie im Bericht geschildert, damals in Kriegszeiten über Wochen und Monate nicht möglich war. Nehmen wir Anteil am Kummer und Schicksal anderer. Setzen wir uns auch in Pandemie Zeiten für Demokratie und Frieden in unserem Land ein.
In ehrendem Gedenken an alle Opfer beider Weltkriege aus Aichhalden und Rötenberg
 
Michael Lehrer
Bürgermeister

Kriegswinter 1944/45     Kriegsgräber (Wilhelm Mitte)
          Kriegswinter 1944/45                     Kriegsgräber (Wilhelm Mitte)

                          Wilhelm Haberer schreinert Särge
                           Wilhelm Haberer schreinert Särge


Nachstehend sind zwei Feldpostbriefe, welche Anna Haberer ihrem Mann nach Frankreich schickte:


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