Der Brandsteig und seine Bewohner

Leben am Brandsteig zur Zeit der Römer um 75 n. Chr.

Passheiligtum, Raststation und Straßendorf

Mit dem Brandsteig besitzt die Gemeinde Aichhalden ein kulturhistorisches bedeutendes römisches Erbe. Am Brandsteig in Rötenberg liegt eine der am frühesten entdeckten römischen Fundstellen Baden-Württembergs, die mit den unterschiedlichsten Bezeichnungen, Funktionen  und geschichtsträchtigen Erkenntnissen in Verbindung gebracht wird.

Um 75 n. Chr. bauten die Römer eine Straße vom Oberrhein durch das Kinzigtal nach Rottweil und weiter an die Donau. Sie erschlossen damit das neu besetzte Gebiet. Am Brandsteig, dem höchsten Punkt des Weges, entstand eine Siedlung als Zwischenstation mit einem Heiligtum und Rastmöglichkeiten. Der Platz, der in der Neuzeit unter dem Namen „Schänzle“ bekannt war, wurde seit dem Ende des 18. Jhs. teilweise urbar gemacht. Dabei fanden die Bauern immer wieder römische „Alterthümer“, z.B. einen Weihestein an die Göttin Abnoba, Säulen mit Kapitellen oder Münzen. Ein eigens gegründeter Altertumsverein grub in den Jahren 1841/42 in der Anlage. 1895/96 unter suchte die württembergische Denkmalpflege den Ort erneut.

Lange Zeit galt das „Schänzle“ als staatliche Straßenstation. Neuere geophysikalische Untersuchungen und systematische 
Begehungen des Geländes zeigen jedoch, dass die Anlage ein ummauerter Tempelbezirk mit verschiedenen Kultbauten war. Dieser Bezirk lag im Zentrum einer kleinen Siedlung, die sich an der Fernstraße entwickelt hatte. Nur ein Teil der Bauten am Brandsteig sind genauer bekannt. Der zentrale Tempel des Heiligtums besaß einen allseitigen Säulenumgang, eine Mischung aus keltischen und römischen Einflüssen. Zu den Serviceeinrichtungen für die Reisenden dürfte auch eine Raststation gehört haben. Vermutlich bestand die Siedlung, bis die Römer im 3. Jahrhundert ihre Gebiete östlich des Rheins aufgaben. Ihre Geschichte ist noch weitgehend unerforscht. Über den römischen Ruinen entstand im Mittelalter die Wallfahrtskirche „Zum Heiligen Kreuz“. Sie existierte bis zur Reformation.

Uralt und hochspannend - Großes Interesse an Familienführung am Brandsteig

Im Juli 2026 begaben sich rund 60 Besucherinnen und Besucher auf eine spannende Zeitreise in die Zeit der Römer. Das Landesamt für Denkmalpflege hatte in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Aichhalden zur Familienführung am Brandsteig eingeladen. Mit spannenden Ausführungen ließ Dr. Christoph Wulfmeier die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Geschichte des ehemaligen Tempelbezirks eintauchen.

Anhand eines Übersichtsplans erläuterte Dr. Wulfmeier die Ergebnisse der archäologischen Forschungen am Brandsteig. Dieser fasst Erkenntnisse aus Ausgrabungen, geophysikalischen Prospektionen und Begehungen der vergangenen Jahre zusammen und vermittelt ein anschauliches Bild der einstigen Siedlung mit Tempelbezirk. Besonders eindrucksvoll waren zwei Rekonstruktionsgrafiken, die erst kürzlich erstellt wurden. Eine detailreiche Illustration zeigt den Brandsteig im 2. Jahrhundert n. Chr. mit Tempelbezirk, Raststation und der Siedlung entlang der Fernstraße. Die zweite Grafik stellt den römischen Zenturio Antonius Silo dar, der gemeinsam mit Angehörigen und Freunden der Schwarzwaldgöttin Abnoba einen Weihestein im Tempelbezirk weiht. Von diesem Weihestein befindet sich an der Rastanlage heute noch ein Abguss, nachdem das Original bei einem Luftangriff auf Stuttgart im Jahr 1944 zerstört wurde.

Für besondere Begeisterung sorgte anschließend der Überraschungsauftritt des Zenturios Antonius Silo, der plötzlich aus dem Wald trat und damit nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen überraschte. Gemeinsam mit einer stilecht gekleideten Römerin berichtete er anschaulich aus dem Alltag der Römer und präsentierte seine mehrere Kilogramm schwere Zenturiorüstung.

Hinter den historischen Darstellungen stehen Monika und Alexander Zimmermann aus Pliezhausen. In ihrem eigenen „Imperium Romanum“ fertigen sie mit großer Leidenschaft originalgetreue römische Kleidung und Ausrüstungsgegenstände selbst an – soweit möglich mit den Werkzeugen und Techniken der Römerzeit. Alexander Zimmermann schmiedet unter anderem Schwerter, Legionärs- und Zenturiorüstungen, während sich Monika Zimmermann dem zivilen Leben im Römischen Reich widmet. In ihrem selbst gefertigten Gewand einer wohlhabenden römischen Stadtbewohnerin erzählte sie während der Führung anschaulich vom Alltag einer römischen Frau.

Derzeit arbeitet die Gemeinde gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege an neuen Informationstafeln für die Rastanlage am Brandsteig. Ziel ist es, die bedeutende römische Geschichte des Brandsteigs noch erlebbarer zu machen und die Rastanlage mit anschaulichen Informationen und Rekonstruktionsgrafiken weiter aufzuwerten.

Der Zenturio Antonius Silo weiht zusammen mit Angehörigen und Freunden der Göttin Abnoba  im Brandsteiger Tempelbezirk einen Altar. Silo hat seine weiße Uniform für besondere Anlässe an.  Sein Sohn hält den Helm mit dem quer gestellten Helmbusch, der den Zenturio kennzeichnet.
© Roland Gäfgen, Renningen
Zenturius Antonius Silo mit Römerin am Brandsteig
© Gemeinde Aichhalden
Dr. Christoph Wulfmeier erläutert die Geschichte des Brandsteigs der interessierten Zuhörerschar
© Gemeinde Aichhalden
Steinsäulen aus der Römerzeit
Säulenfragmente aus römischer Zeit

Weihinschrift des Quintus Antonius Silo für die Göttin Abnoba

Der Weihestein in Form eines Altars wurde 1825 im Südwesten der römischen Anlage bei der Suche nach Steinen für ein neues Bauernhaus gefunden. Zunächst als Stütze in dem Gebäude wiederverwendet. 1834 für das Stuttgarter Museum erworben. 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Vor Ort Abguss des Originals. Datierung: Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr

Antonius Silo - römischer Bürger und Zenturio

Antonius Silo war römischer Bürger. Sein Name lässt vermuten, dass er aus Spanien kam. Er war Berufsoffizier und diente als 
Zenturio (Hauptmann) nacheinander in sechs Legionen. Die Legionen sind in der Inschrift in numerischer Reihenfolge aufgeführt. Silo war demnach in verschiedenen Grenzprovinzen aktiv, vom Niederrhein über die unteren Donau bis nach Nordafrika. Als Silo die Inschrift setzen ließ, diente er wohl in der 11. Legion, denn diese war in Windisch (Schweiz) und Rottweil stationiert. Silos war offenbar ein gefragter Militär mit besonderen Fähigkeiten. Zenturionen hatten dabei nicht nur Aufgaben im Heer, sondern übten auch Funktionen in der örtlichen Provinzverwaltung aus. Möglicherweise besuchte er das Tempelareal auf dem Weg von Rottweil zur nächsten Legion. Mit seiner Weihinschrift dankte er der Göttin für ihren Schutz während seiner Dienstzeit in der Region am oberen Neckar. Den auf Kaiser Domitian bezogenen Beinamen trug die 22. Legion nur von Anfang 89 n. Chr. bis Ende 96 n. Chr. Deshalb lässt sich die Inschrift genau datieren. Sie ist eine der frühesten Weihinschriften in den Gebieten rechts des Rheins, die ab 72 n. Chr. unter den Kaisern Vespasian, Titus und Domitian zum Römischen Reich kamen

Die Göttin Abnoba

Mons Abnoba war der römische Name für die gebirgige Gegend östlich des Oberrheins. Die Bezeichnung entspricht in etwa dem heutigen Schwarzwald und seinen Randgebieten. Die lokal zuständige Göttin war Abnoba, eine wohl ursprünglich keltische Gottheit, die die Römer mit der ihnen vertrauten italischen Göttin Diana identifizierten. Bildliche Darstellungen zeigen Abnoba als Herrin der Jagd und der Wälder in kurzem, bequemem Gewand mit Pfeil und Bogen in der Hand. Ihre Wappentiere sind Jagdtiere und Hunde. 
In Italien galt Diana außerdem als Beschützerin von Wegen bzw. Wegekreuzungen. Auch in Baden-Württemberg liegen fast alle (Diana-)Abnoba-Weihungen an markanten Straßenpunkten wie z.B. Kreuzungen oder Rastpunkten. Sie sollte wohl einheimische wie fremde Reisende vor allem vor den Gefahren beim Durchqueren des großen, kaum besiedelten Schwarzwaldes beschützen. Ob Abnoba die Hauptgöttin des Brandsteiger Tempelareals war, wissen wir nicht